Aloka: Leben und Neubeginn im Angesicht von Lepra
Aloka hat in Bangladesch über Jahrzehnte hinweg täglich die Teeplantagen durchquert, in denen sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Als Lepra begann, ihr die Kraft aus der Hand zu rauben, glaubte sie, nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Würde und ihre Zukunft zu verlieren.
Jeden Morgen, noch vor Tagesanbruch in Bangladesch, macht sich Aloka auf den schlammigen Wegen zu den Teeplantagen auf. Ihr Einkommen ist für ihre Familie überlebenswichtig: Das kleine Lehmhaus, die Schule der Kinder, der Zugang zu medizinischer Versorgung – all das hängt von ihrer Arbeit ab.
Eines Tages erscheint ein heller Fleck auf ihrer linken Hand. Er wirkt unbedeutend, und so pflückt sie weiter. Doch nach und nach versteift sich ihre Hand. Ihre Finger krümmen sich und gehorchen ihr nicht mehr. Sie kann die Blätter nicht mehr richtig greifen. Die Zeit für die Ernte verdoppelt sich, ihre Ausbeute sinkt – und damit auch ihr Einkommen. «Ich bekam nur noch ein Viertel dessen, was ich früher verdient habe», sagt sie.
Dunkle Erinnerungen werden wach
Jedes Wiegen wird zu einem Moment der Scham. Plötzlich durchbohrt sie eine Erinnerung aus ihrer Kindheit: «Als ich jung war, hatte ein Mann im Dorf Lepra. Seine Hände und Beine waren verkrüppelt. Er durfte kein einziges Haus betreten. Er lebte allein auf den Strassen des Marktes – und er starb dort, von allen verstossen.»
Als sie ihre eigenen Symptome entdeckt, steigt dieses brutale Bild wieder in ihr auf. Sie stellt sich vor, verbannt zu werden, verlassen und unfähig, ihre Familie zu ernähren. Sie schläft nicht mehr. «Ich fühlte mich schuldig, verängstigt, beschämt.»
Eine lebensverändernde Wende
Als die Teams der Lepra-Mission in ihrem Dorf eintreffen, ändert sich ihr Schicksal. Ein Blick auf ihre Hand genügt. Seit Monaten greift Lepra ihre Nerven an. Sie braucht dringend eine Behandlung.
Dank der MDT (Multidrug Therapy), einer kostenlosen und wirksamen Behandlungsmethode, kann die Krankheit gestoppt werden, erklären die medizinischen Fachkräfte. Sie erhält die ersten Tabletten. Tränen der Erleichterung laufen ihr über das Gesicht. «Ich werde die Krankheit nicht auf meine Familie übertragen», sagt sie.
Doch obwohl die Krankheit gestoppt wird, sind die Nerven bereits geschädigt. Um die Kraft in ihrer Hand zurückzugewinnen, muss Aloka Physiotherapie machen und eventuell eine Operation in Erwägung ziehen.
Neues Vertrauen erhalten
Sie schliesst sich einer von der Lepra-Mission unterstützten Selbsthilfegruppe an. Dort lernt sie Vorbeugungsmassnahmen und gemeinsames Sparen. Ausserdem erhält sie einen kleinen Kredit, um eine Ziege zu kaufen. Das Tier ist eine wichtige Einnahmequelle, während ihre Hand nur langsam heilt. Diese gemeinschaftliche Unterstützung schenkt ihr neue Würde und Vertrauen.
Ein Jahr später ist Aloka wie verwandelt. «Als ich den weissen Fleck sah, dachte ich, mein Leben sei vorbei. Ich dachte, ich würde wie der Mann aus meiner Kindheit enden. Aber nach sechs Monaten Behandlung und Physiotherapie hat sich die Beweglichkeit meiner Hand verbessert. Die Ärzte haben mir neues Vertrauen gegeben.»
Neue Pläne
Sie arbeitet wieder in den Teeplantagen. Den Kredit für ihre Ziege hat sie fast zurückgezahlt und hofft, bald eine Kuh kaufen zu können. Sie plant ihre Zukunft: ein kleines Stück Land, ein Haus, ein Laden.
Mit Nachdruck berichtet sie: «Ohne den Besuch der Teams hätte ich nie erfahren, dass Lepra heilbar ist. Ich hatte Angst zu sterben. Heute möchte ich stark werden und den anderen aus der Gruppe helfen.»
Ihre Geschichte erzählt von einem Kampf gegen die Krankheit, aber vor allem von einem Neubeginn, der durch medizinische Versorgung, Physiotherapie und menschliche Begleitung ermöglicht wurde.